Manchmal mache ich den Fehler, mich mit Politik zu beschäftigen. Oft genug macht mich das dann extrem wütend.
In diesem Fall geht es um ein Thema der öffentlichen Diskussion, zu der ich hiermit dringend beitragen will.
Der Titel hat schon verraten, worum es geht: Anschläge. Konkret nehme ich den Solingener Anschlag 2024 als Beispiel, aber mir geht es generell ums Prinzip.
Meine Thesen für diesen Blogpost sind zweierlei:
Die öffentliche Diskussion über Anschläge ist maßlos übertrieben.
Öffentliche Diskussion über Anschläge ist generell schädlich für die Gesellschaft.
Natürlich ist mir klar, dass dies absolut taktlos klingen mag, und ich habe auch Mitleid mit den Betroffenen und ihren Hinterbliebenen, aber objektiv gesehen ist es einfach nicht vergleichbar mit z.B. Verkehrstoten.
Der Verfassungsschutz hat eine Liste von Anschlägen in Deutschland. Zählt man die Verletzten und Toten hierbei zusammen, kommt man auf 139 (Stand 29.6.25). Zum Vergleich schaue man auf den Statistischen Bericht Verkehrsunfälle 2023 des Statistischen Bundesamts und findet dort, in Tabelle 46241-11, dass insgesamt 39.136 Unfälle mit Verletzten auf „[n]icht angepasste Geschwindigkeit“ zurückzuführen sind. Davon1 sind 815 „Unfäll[e] mit Getöteten“, also sind mindestens 815 Menschen durch Raserei gestorben, und das allein in 2023(!)
Wenn man sich diesen Unterschied vor Augen hält, ist es schon echt lächerlich, mit welcher Vehemenz immer betont werden muss, dass z.B. Solingen ein „schreckliche[s] Attentat“, oder ein „unmenschliches Verbrechen“ gewesen ist.
Das klingt ja fast schon, als würde man über den Holocaust reden!
Wir erinnern uns: Es sind drei Menschen gestorben und acht verletzt worden.
Diese Polemisierung ist nicht nur extrem irrational, sondern schürt auch Rassismus und Xenophobie. Plötzlich ist Abschiebung in aller Munde und es herrscht eine generelle Skepsis gegenüber Ausländern, insbesondere, wenn diese nicht durch berufliche oder akademische Qualifikationen ihren „Wert“ bewiesen haben.
Man denke mal zurück an die Unfallstatistik und stelle sich vor, es würde genau so darüber berichtet, wie immer über Anschläge: Jedes Jahr, wenn die neue Unfallstatistik veröffentlicht wird, ist sie in aller Munde. Es werden Denkmale errichtet und alle Zeitungen berichten davon, oft mehrfach und mit vielen Details. Politiker geben Stellungnahmen ab und fordern, möglichst hart gegen Raser vorzugehen: Es sollen strenge Kontrollen eingeführt werden und bei jedem Geschwindigkeitsverstoß wird unmittelbar der Führerschein auf Lebenszeit entzogen. Außerdem soll Menschen mit Wutproblemen oder zu großem Ego von Anfang an der Zugang zu einem Führerschein verwehrt werden, indem ein psychologisches Gutachten Teil der Führerscheinprüfung gemacht werden soll.
Nun kommen wir mal zurück in die Realität, in der Verkehrsunfälle niemanden interessieren. Keine Denkmale, keine Flut an Artikeln, kein Enthusiasmus unter Politikern, nur ein paar Berichte hier und da, die schnell in Vergessenheit geraten.
Stattdessen ist es die Einwanderung, die so als Thema durchgeht und gegen die sich die Regierungspolitiker stark machen wollen.
Wieso ist die Reaktion auf diese Umstände so antiproportional? Ich habe zwei Thesen:
„Ein Tod ist eine Tragödie; Eine Million Tote sind bloß eine Statistik.“ Unsere Gehirne mögen Geschichten viel mehr als Fakten und ein Anschlag ist eben eine sehr mitnehmende Geschichte, während die abertausend Unfälle nur eine trockene, „langweilige“ Statistik sind.
Rassismus. Er ist ein kontroverses Thema, denn als Gesellschaft sind wir dagegen, aber viele Menschen haben trotzdem noch rassistische Vorurteile und wollen diese als gerechtfertigt sehen (denn niemand hat gerne eine selbst als falsch anerkannte Meinung). Da kommt dann ein islamistischer Anschlag als Rechtfertigung sehr gelegen.
Ich sehe also den Grund genau im irrationalen Teil unserer Gehirne. Dieser lässt sich nicht entfernen, also ist es umso wichtiger, um ihn herum zu manövrieren.
Konkret heißt das, Politiker und Zeitungen müssen aufhören, einzelne Ereignisse hochzuspielen und sie stattdessen herunterspielen. So etwas wie der Anschlag in Solingen darf gar nicht die nationale Ebene erreichen, genau so wie ich auch nichts von den ganzen anderen Morden mitbekomme, die immer wieder und überall passieren.
Es liegt einfach in der Verantwortung der Zeitungen und Politiker, den öffentlichen Diskurs so zu lenken, dass den irrationalen Teilen unserer Hirne kein Futter geboten wird.
Und insbesondere müssen sie aufhören, dieses Thema mit solchen Samthandschuhen anzufassen und mit massiv übertriebenen Adjektiven zu versehen!